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Was ich meiner Tochter über die Exkursion nach Esebeck erzählen werde

 

„Es gibt Dinge, die werden gerne erzählt und es gibt Dinge,
die werden nicht gern erzählt.“ (Gero Busse, Ortsheimatpfleger in Esebeck)


Was ich meiner Tochter über die Exkursion nach Esebeck erzählen werde
Kannst Du Dir vorstellen, wie blind Deine Mama sein kann? Wie viele meiner langen Spaziergänge haben mich am Ortsrand von Esebeck vorbei geführt und ich habe die Informationstafel zum Maidenlager (1940 bis 1945) nicht einmal wahrgenommen, bin einfach daran vorbei gelaufen.
Weißt Du, was ein Maidenlager war? Junge Frauen mussten in den Kriegsjahren ein Pflichtjahr ableisten. Gearbeitet haben sie auf Bauernhöfen, später auch in der nahe gelegenen Munitionsfabrik. Überall fehlten ja die jungen Männer als Arbeitskräfte, mehr als fünf Millionen sind als Soldaten in den Krieg eingezogen worden. Stell` Dir bloß diese Zahl vor, fünf Millionen Menschen. Auch Deine Oma ist über ihr Pflichtjahr in den Raum Göttingen gekommen, hat auf einem Bauernhof gearbeitet. Erinnerst Du Dich daran, dass sie manchmal davon erzählt hat?
Viel ist nicht übrig geblieben vom Maidenlager. Ein paar Fundamente für Baracken im Wäldchen. Überwuchert, längst von der Natur zurückgeholt. Über das Reichsarbeitslager wurde gern im Dorf gesprochen. Originaldokumente bezeugen, dass auch die jungen Frauen das Pflichtjahr sehr positiv beschrieben haben. Wie eine Auszeit mit Lagerleben, Sport,
Gesang und Ausflügen. Kein Wort darüber, für welche barbarische politische Ideologie sie und ihre Arbeit missbraucht worden sind. Diese Haltung erinnert mich ein wenig an meinen Vater, der als Soldat beim Einmarsch in Frankreich dabei war. Auch er hat die Besetzung Frankreichs als großes Abenteuer beschrieben. Der Junge aus dem Dorf, zuvor kaum über die Stadtgrenze hinaus gekommen, war plötzlich in Paris. Was für ein Erlebnis für ihn. In dieser Phase hat auch er noch nicht realisiert, für welches Regime er in den Krieg gezogen ist. Gero Busse: „Die ganzen schrecklichen Sachen haben die Nazis nur hingekriegt, weil sie die Bevölkerung hinter sich hatten.“
Und was ich überhaupt nicht wusste, meine liebe Tochter: Wenige Meter neben der Straße hat Esebeck einen echten „lost place“, den Hochbunker. Dort haben sich die jungen Frauen bei Fliegeralarm in Sicherheit gebracht. Weiß Du was Fliegeralarm ist? Mir ist dieses Wort noch sehr vertraut, meine Mama hat es oft benutzt. Jedes Mal ist sie ängstlich zuammengezuckt, wenn bei uns im Dorf am Samstag die Feuersirene getestet wurde. Das hat sie an den Schrecken von ständigem Fliegeralarm erinnert, an die Bombengeschwader und die Stunden im Luftschutzbunker.
Im Maidenlager wurde der Fliegeralarm mit einer Glocke angekündigt. Gero Busse hat sie mitgebracht. Alt, rostig, aus einer alten Granatenkartusche gefertigt, ein Original aus dem Barackenlager. „In Scheunen und auf Dachböden werden noch einige Fundstücke aus den Baracken lagern“, sagt er. Ich finde diese Vorstellung auch ein bisschen gruselig. Und jetzt komme ich zu dem Thema, über das eben nicht gern im Dorf gesprochen wurde: Die Zwangsarbeiter auf den landwirtschaftlichen Höfen. Gleich neben dem Hochbunker ist der Friedhof von Esebeck. Wir stehen am Grab von Josef Wozniak, Polen, geb. 1912, gest. 1944. Wie viele namenlose Zwangsarbeiter hat es gegeben. Josef Wozniak hat einen  Namen, ein Grab, er kann in Erinnerung bleiben. Seine Familienangehörigen sind nach dem Krieg in die USA ausgewandert, zwei Töchter leben noch. Sie haben recherchiert und vor 12 Jahren das Grab ihres Vaters in Esebeck erstmalig besucht. Den Deutschen gegenüber, sagt Gero Busse, seien sie bei ihrem ersten Besuch noch immer voller Vorbehalte gewesen.
Kindheitstraumata, die die Jahrzehnte überlebt haben.
Mich hat die Feed-back-Runde mit den Berufsschüler*innen beeindruckt. Ihre Aussagen sprechen für sich.

  • „So ein kleiner Ort, und so viel Geschichte, die dahinter steckt.“
  • „… und, siehe da, sind wir aktuell wieder in einer Situation, wo wir über die
  • Demokratie und die Zeit des Nationalsozialismus sprechen müssen.“
  • „Es ist 80 Jahre weit weg und doch nicht 80 Jahre weit weg.“
  • „Die Erinnerung ist überwuchert.“
  • „Das so was auch in der Nähe passiert ist …“
  • „… nicht nur das Oberflächliche aus dem Geschichtsunterreicht mitzubekommen,
  • sondern an den Orten des Geschehens stehen.“

Warum ich Dir das alles erzählen werde, meine liebe Tochter: Weil ich bei dieser Exkursion ganz viel über meine Heimat gelernt habe. Als nächste Generation sollst auch Du das Wissen bewahren. Damit die Erinnerung an das Schreckliche nie verloren geht. „Wenn Du alles löscht, hast Du keine Chance mehr, darüber nachzudenken.“ (Zitat einer Teilnehmerin)

10.03.2025 A.K.

Dieses Projekt wird gefördert von:

Projektleitung:

Svea Gockel-Zimmermann

Dieses Projekt ist Teil der „Partnerschaft für Demokratie im Landkreis Göttingen“. Es wird gefördert durch das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“

Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung des BMFSFJ oder des BAFzA dar. Für inhaltliche Aussagen tragen die Autorinnen und Autoren die Verantwortung.