

„Unsere wahre Identität sollte vernichtet werden.“
Es zerreißt mir das Herz. Vier Wochen alt war das jüngste Kind. Herausgerissen aus seiner Welt. Entführt. In einer Nacht und Nebel Aktion nach Bad Sachsa gebracht. Ein Neugeborenes als Faustpfand für ein unmenschliches System. Ein Säugling in Sippenhaft genommen. Familienmitglied der Widerstandsgruppe um Graf von Stauffenberg.
Verschleppt nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944. Mein erster Gedanke: Wer hat für Dich, Du winzig kleiner Mensch, ein Schlaflied gesungen.
Wer hat Dir Wärme, Körperkontakt und das Gefühl von Geborgenheit gegeben. Was ist mit Deiner Mutter geschehen, deren Milch Du so dringend gebraucht hättest. Lebt Dein Vater noch? Du weißt überhaupt nichts. Und dennoch frage ich mich: Steckt die Entführung in Deiner kleinen Seele? Bleibt sie lebenslang in Deinen Genen? Wie wird diese Unmenschlichkeit Dein weiteres Leben beeinflussen? Wirst Du jemals wieder Vertrauen aufbauen können?
Im Inneren des Gebäudes, in dem Du über ein Jahr lang leben musstest, finde ich keine Antwort auf meine Fragen. Ein verfallenes Haus redet nicht allzu viel. Ich stehe da zwischen Spinnengeweben und Vogelnestern und höre kein Kinderlachen, ich sehe keine spielenden Kinder vor meinem inneren Auge. Obwohl 46 entführte Kinder – Kinder der Widerständler – hier gelebt haben. Vielleicht höre ich den Kommandoton der NS-treuen Betreuerin, für die ihre „Schützlinge“ Kinder von Verbrechern waren. Vielleicht sehe ich eine zärtliche, zugewandte Geste ihrer Kollegin, die Mitleid mit den Kindern hatte und noch Menschlichkeit und Erbarmen empfinden konnte.
Mich ärgert es, dass ich wieder an einem Ort bin, der historisch so bedeutsam ist und dennoch in den vergangenen Jahrzehnten achtlos dem Verfall preisgegeben wurde. Warum sind solche Orte so oft „lost places“. Wie lange werdet ihr, die ihr das Schicksal der verschleppten Kinder nicht in Vergessenheit geraten lassen wollt, noch brauchen um
genügend Geld zu haben, das Gebäude zu sanieren und eine Gedenkstätte zu errichten? „Es ist 82 Jahre her und es liegt an uns, es weiter im Gespräch zu halten.“, so Ralph Boehm, Archivar der Stadt Bad Sachsa. Bei der Befreiung der Kinder soll der erste Nachkriegs-Bürgermeister zu ihnen gesagt haben: „Ihr braucht Euch Eurer Väter nicht zu schämen, sie waren Helden.“ Ralph Boehm berichtet auch, dass diese Kinder bis in die 70ger Jahre hinein darum kämpfen mussten, überhaupt eine Waisenrente zu bekommen. Mir gehen Worte wie Gerechtigkeit, Menschenrechte, Kinderrechte durch den Kopf.
Später im Museum, beim Gang durch die Ausstellung, stelle ich mit Erleichterung fest, dass es auch das verbrecherische Nazi-Regime nicht geschafft hat, den Kindern ihre Identität zu nehmen. Alle Kinder haben Namen, sind ihren Ursprungsfamilien zugehörig und nicht in Vergessenheit geraten. Dafür haben engagierte Menschen gesorgt, denen wir dankbar sein können. Wie wichtig ist es, sich für Demokratie und Menschenwürde einzusetzen!
Demokratie. Das bin ich, Das bist Du. Das sind wir. Das sind wir alle.
Wir müssen auch heute noch – oder wieder?! – darauf aufpassen, dass uns die Demokratie nicht verloren geht. Dass wir uns Tendenzen entgegen stellen, die mit Demokratie und Menschenwürde nichts zu tun haben.
Ganz am Ende bin ich erneut gerührt. Ralph Boehm, unser Sachkundiger Begleiter in Bad Sachsa, fragt, ob wir das Lied „Sind so kleine Hände“ von Bettina Wegner kennen.
„Kinder“, sagt er, „sind das Schönste was es gibt. Behandelt sie vorsichtig.“
30.03.2025 A.K.